Wir kaufen daheim
Wir kaufen daheim
 
 

Kultur & Freizeit

Veröffentlicht am 03.05.2019, Eppingen

"Buntland": ein Besuch in der Raußmühle

Im Vorfeld der Lesung zu "Buntland" traf sich EPPINGEN.org mit Raußmühlenbewohner Frank Dähling.

von EPPINGEN.org Redaktion

EPPINGEN.org

Frank Dähling lebt seit 1974 in der Ep­pin­ger Rau­ß­müh­le relativ autark. Er liebt das alte Gebäude, re­no­viert es, pflegt es und weiß so einige Ge­schich­ten zu er­zäh­len. Kürz­lich wurde er so zu einem von 16 Prot­ago­nis­ten in Oliver Lücks Werk „Bunt­land“. Der Autor be­such­te in den 16 Bun­des­län­dern 16 Men­schen. Im Vorfeld zur ge­mein­sa­men Lesung am Diens­tag, 7.5., traf EP­PIN­GEN.org Frank Dähling. Im ersten Teil unseres In­ter­views erzählt er uns, wie es zu dem Treffen kam und welche Her­aus­for­de­run­gen ein Leben in einem Kul­tur­denk­mal mit sich bringt.

Wie kam es dazu, dass Oliver Lück aus­ge­rech­net Sie für einen Artikel in seinem Buch „Bunt­land“ aus­ge­wählt hat?
Das war reiner Zufall, wie ich annehme. Ich habe da­hin­ten eine Scheune, davor stand eines Tages ein kleines Wohn­mo­bil mit dem er hier über­nach­ten wollte. Abends saßen wir dann zu­sam­men, wir er­zähl­ten und er kam auf die Idee eine Re­por­ta­ge über mich zu machen. Er hat auch ein anderes Buch ge­schrie­ben, in dem ich auch vor­kom­me. 

Oliver Lück spricht von der Rau­ß­müh­le als Insel. In wie weit emp­fin­den Sie diesen Ort als Insel?
Oh ja, die Insel ist ganz klar gegeben. Wir leben mitten in der Mo­no­kul­tur der in­dus­tri­el­len Land­wirt­schaft, wo uns die Haare senk­recht stehen. Aber wir sind von Anfang an – 1974 hab ich das erste Mal die Rau­ß­müh­le gesehen, da war sie noch ein drei­stö­cki­ger Schrott­platz – die Au­ßen­sei­ter gewesen. Da kommt es na­tür­lich zu Que­re­len. Es ist schon gi­gan­tisch, was sich ver­än­dert hat, wir hatten es mal fast zwei Ki­lo­me­ter bis zur Stadt, jetzt sind es – zählt man das Ge­wer­be­ge­biet dazu – 200 Meter. Das war an­fäng­lich ein Schock, aber man gewöhnt sich an alles. Das ist ei­gent­lich das Ge­fähr­li­che beim Men­schen, man sollte sich an nichts ge­wöh­nen, was einem miss­fällt. Aber ir­gend­wann denkt man: Man kann sich doch nicht jeden Tag ärgern, das gibt doch bloß ein Ma­gen­ge­schwür.

Wird man dies­be­züg­lich im Alter ge­las­se­ner?
Ge­las­se­ner ist ver­mut­lich das falsche Wort, das klingt zu positiv. Man wird viel­leicht etwas müder und denkt sich „Ich hab schon tau­send­mal dagegen ge­spro­chen und es hat nie ge­fruch­tet also lass mal“. Aber manch­mal rege ich mich immer noch auf wie ein kleiner Bub.

Sie haben, bevor Sie die Rau­ß­müh­le er­war­ben, be­schlos­sen keinen klas­si­schen bür­ger­li­chen Weg ein­zu­schla­gen, Ihr Studium nicht voll­endet, obwohl Sie Ihre Ma­gis­ter­ar­beit bereits an­ge­fan­gen hatten…
Das steht jetzt nicht im Buch: Ich hab 1998 nochmal be­schlos­sen meine Ma­gis­ter­ar­beit zu beenden, aus dem klein­bür­ger­li­chen Druck heraus mir ein Türchen offen halten zu wollen. Da merkte ich, ich passe nicht mehr in die Uni. Das Stu­die­ren war ganz anders. Ich hab 18 Se­mes­ter an der Gu­ten­berg-Uni Mainz stu­diert, an der Sor­bon­ne und in Hei­del­berg. Das war meine Zeit, da war ich bei allen Dis­kus­sio­nen dabei und 1998 sah ich nur Leute, die mir fremd waren. Ihr Studium so schnell wie möglich ab­schlie­ßen wollen, aber kein au­ßer­stu­den­ti­sches En­ga­ge­ment zeigen.

EPPINGEN.org

Wie war das damals im Ver­gleich?
Das war eine völlig andere Zeit, deshalb sind da viele Arten von Stu­di­en­ab­bruch ent­stan­den. Wir hatten plötz­lich DIE Idee, dachten, wir machen die Welt­re­vo­lu­ti­on. Wir haben es be­gon­nen, leider hat es nicht ge­klappt. Mit der Zeit kriegt man das Gefühl, dass die herr­schen­de Klasse nie zu be­sei­ti­gen ist, da sie un­wahr­schein­lich mächtig ist und an vielen Hebeln sitzt. Aber das dient der Mensch­heit nicht, sondern nur ein paar Leuten.

Ein paar Jahre später haben Sie statt­des­sen die Rau­ß­müh­le ge­pach­tet, damals eine Ruine, was hat sie dazu bewogen?
Die Rau­ß­müh­le war eine Re­ak­ti­on auf die Wahr­neh­mung, dass wir die Re­vo­lu­ti­on nicht hin­be­kom­men werden. Dann hab ich mich gefragt, „was mach ich mit meinem an­ge­bro­che­nen Leben“. Ich war 30, das ist ja noch jung, auch wenn wir damals sagten „Trau keinem über dreißig“. Später sagte ich „Trau keinem über 50“, heute „Trau nicht mal dir selbst“. Tja, ir­gend­was muss man ja machen: Nachdem ich 5000 Ki­lo­me­ter durch Europa ge­trampt bin und einen Platz gesucht habe, an dem ich mich ver­wirk­li­chen kann, hab ich in Ep­pin­gen die Rau­ß­müh­le ent­deckt. Ir­gend­je­mand in Hei­del­berg, der ur­sprüng­lich aus Ep­pin­gen stammt, gab mir den Tipp, dass hier eine un­rett­ba­re Ruine wäre, genau das, was ich suche. Dann hab ich hierr­ein­ge­schaut und hab den Schrott­platz gesehen. Oliver Lück be­schreibt das ganz gut: Man hat zwar die Ka­ta­stro­phe gesehen, aber da war etwas zu spüren, das stand­hält. Als wollte dieser Ort etwas mit­tei­len. Ganz blau­äu­gig glaubte ich, die Rau­ß­müh­le sei in zehn Jahren re­no­viert. Ich bin jetzt 43 Jahre hier und das Gröbste ist gemacht.

Wie Gaudis Kirche?
Ja, ein ewiges Bauwerk. Da, wo wir an­ge­fan­gen haben zu re­no­vie­ren, geht es jetzt all­mäh­lich wieder kaputt. Ir­gend­wie ist es fast ein Wunder, dass wir das so hin­ge­kriegt haben. Wir hatten zeit­wei­se 40 Stu­den­ten aus ganz Europa da, die uns ge­hol­fen haben. Heute scheint das un­denk­bar, dass Leute oder Wan­der­ge­sel­len aus purem Idea­lis­mus hier helfen, um ein Kul­tur­gut zu re­no­vie­ren.
Hier leben ist ein biss­chen wie in einer ver­gan­ge­nen Welt zu leben.

EPPINGEN.org

Warum ist es Ihnen so wichtig dieses Ver­gan­ge­ne zu be­wah­ren und so zu leben?
Ich bin keiner, der die Ver­gan­gen­heit, das alte Leben, ver­herr­licht. Ich muss nur sagen, damals, war es viel­leicht leich­ter einen Le­bens­sinn zu finden. Für mich ist es kein Le­bens­sinn eine Kar­rie­re zu machen und ein dickes Auto zu fahren. Find ich lang­wei­lig. Ich möchte etwas mit meinem Kopf und meinen Händen tun, für etwas ver­ant­wort­lich sein und etwas ver­hin­dern, was die Moderne mit sich bringt. Die großen Nach­tei­le nämlich, die Zer­stö­rung der Böden, der Kli­ma­wan­del, die Un­ter­drü­ckung der Men­schen und die Aus­beu­tung. Die Dinge hat es früher auch gegeben aber nicht in diesem Maß. Das alte Leben macht für mich mehr Sinn, weil ich das meiste selbst machen kann. Seit 42 Jahren be­trei­be ich die Land­wirt­schaft hier. Wenn ich nochmal an­fan­gen könnte, wäre ich noch ra­di­ka­ler, würde weiter weg­ge­hen und ent­we­der durch­kom­men oder nicht.

Woher rührt der Drang nach einem Ein­sied­ler­le­ben?
Die Freunde meiner Mutter er­zähl­ten mir, ich hätte schon als Kind so einen Ro­bin­son werden wollen. Warum bloß? Ei­gent­lich bin ich jemand der gerne redet, ein kom­mu­ni­ka­ti­ver Mensch, hab viele Freunde – auch viele Feinde, mache Aus­stel­lun­gen und ver­mie­te meine Samm­lun­gen. 

In ge­wis­ser Weise ist Oliver Lücks Werk ein Hei­mat­buch, was be­deu­tet Heimat für Sie?
Da bin ich schon oft gefragt worden. Dar­auf­hin hatte ich mal 25 Tafeln in Ep­pin­gen in­stal­liert, was denn Heimat sein kann. 

Ich ant­wor­te mal: In Hei­del­berg habe ich bei Gadamer stu­diert, der hat den Satz geprägt, „die Sprache ist das Haus des Seins“. Somit ist Heimat die erste Sprache. Es ist die Welt deiner ersten eigenen Er­fah­run­gen. Nun manche Men­schen werden ver­trie­ben und sie müssen eine zweite Sprache und Heimat finden. Bloch sagt: Heimat ist dort, wo man nie war“, also eine hoff­nungs­mä­ßi­ge Idee des Sinn­vol­len. Man kann auch sagen, Heimat ist dort, wo du her­kommst. Aber die kann man auch ver­ges­sen oder ver­lie­ren.

Verwandte Artikel
Weitere Artikel dieses Autors

Zugehöriges Unternehmen

Holl+Knoll Buchhandlung

Brettener Straße 30
75031 Eppingen

Zum Firmenportrait

115.000 Mal gesehen!

Wussten Sie, dass Beiträge über unsere Kanäle bis zu 115.000 Personen erreichen?

Werben auf dem Marktplatz

Möchten auch Sie diese Reichweite für Ihre Anzeige nutzen?

KLICKEN LOHNT SICH

Anzeige

EMPFEHLUNGEN DER REDAKTION

MEISTGELESENE ARTIKEL

EIN SERVICE VON

plan IT
 
 

IHR PARTNER FÜR WERBUNG IN DER REGION

EPPINGEN.org Marketing
 
 

ÜBER UNS

EP­PIN­GEN.org ist dein Lo­kal­por­tal für Ep­pin­gen und Um­ge­bung.

Wir be­rich­ten täglich in Wort und Bild über Events,
Fir­men­news, Kul­tu­rel­les und andere wich­tig­te Er­eig­nis­se aus dem Ein­zugs­ge­biet der großen Kreis­stadt Ep­pin­gen.

Kontakt: info@​ep­pin­gen.​org

FOLGE UNS

sofort informiert mit der EPPINGEN.org App!
sofort informiert mit der EPPINGEN.org App!
 
 
loading