plan IT Image
plan IT Image
 
 

Kultur & Freizeit

Veröffentlicht am 08.05.2019, Eppingen

Frank Dähling: vom Kleinbürger zum Revolutionär

"Ich würde es niemals missen wollen, `68 dabei gewesen zu sein"

von EPPINGEN.org Redaktion

EPPINGEN.org

Frank Dähling war Mitglied der 68er Bewegung und ist auch noch heute bekennender Kommunist. Im zweiten Teil unseres Interviews mit dem Lebenskünstler spricht EPPINGEN.org mit ihm über seinen politischen Werdegang und die heutige Zeit.

Wie sind Sie damals zu der 68 Bewegung gestoßen?
Am Anfang war ich ein elitärer Kleinbürger, der unbedingt Professor werden wollte. Im vierten Semester musste ich eine Entscheidung treffen. Jeder, der im Studium weiterkommen wollte, musste ein Auslandssemester absolvieren, um einen Blick über den Horizont seiner Universität hinaus zu erhalten. Ich hab mich gegen die Ausgrabung in Spanien und für das Völkerkunde Museum Musée de l’Homme in Paris unter der Führung von Claude Levis Strauss, den berühmten Strukturalisten entschieden. Der Punkt, der mich dann umgedreht hat, war das Elend auf den Straßen in Paris. Ich hab dort ein Jahr lang gelebt und merkte, dass meine bisherige Weltanschauung hinten und vorne nicht stimmt. In Paris lebten 1,5, Millionen ohne Papiere. Ich bin von der Polizei gefoltert worden. Das war 1967. ImMai `68 war ich nicht dabei, sondern bereits wieder in Deutschland.

Sie haben die 68er hautnah miterlebt. Freunde von Ihnen sind in den Terrorismus abgedriftet, was hat sie davor bewahrt, auch abzurutschen?

Mein Freund Gerhard war auch nicht gezwungen, diesen Weg zu gehen. Ich hab den Weg abgelehnt, weil ich erkannte, dass wir zu wenige sind, um diese Revolution zu machen. Mit zwanzig Mann kann man nicht die Bundesrepublik umkrempeln. Man muss mindestens 15 Prozent hinter sich haben. Er meinte jedoch, das würde einen Sog geben und es würden sich noch viele anschließen. Zu der Zeit wurde mir klar, dass viele meiner Freunde später problematisch für mich werden. Man weiß ja, was passiert ist in der Geschichte des Kommunismus. Ich bin ein Kommunist, auch heute noch. Aber ich war nicht ganz so naiv wie mein Freund Gerhard, der später zum Mörder wurde. War man in diesen Kreisen, schien das vorbestimmt, entweder man wird zum Mörder oder man wird erschossen. Wolf Wondratschek hat mal gesagt: „Früher begann der Tag mit einer Schusswunde“. Heute sagt man mir nach, ein elitärer Schöngeist zu sein, mit einem breiten Wissen. Ich hab ja auch eine große Bibliothek.

EPPINGEN.org

Mit dem heutigen Blick auf die Zeit: was haben die 68er verändert? War es richtig dabei zu sein?
Ich würde es niemals missen wollen, `68 dabei gewesen zu sein, auch wenn man natürlich darunter gelitten hat, unter dem Stress, wenn die Uni besetzt war und die Polizei gestürmt hat. Dann ist das keine reine Freude. Dennoch ist mein wertvollster Erinnerungsschatz die 68er Zeit. Allerdings hab ich gemerkt, dass viele undurchdachte Elemente drin sind. Wir haben Kritiken weggefegt, weil wir so euphorisch waren, haben Diskussionen bis um vier Uhr nachts geführt - bis der politische Gegner zuhause oder in der Kneipe war - und dann abgestimmt. Das mag unfair erscheinen, andererseits kann man sagen, wir hatten das bessere Durchhaltevermögen.

Was machte eine gute Diskussionskultur aus? Daran scheitert es ja heutzutage auch.
Man sollte immer argumentieren. Der Vorwurf der bürgerlichen Seite war immer 'Die wollen nichts schaffen, die wollen nicht lernen, nur diskutieren'. Das ist richtig. Eine gute Diskussion kann die Grundlage sein. Wir brauchen eine gute Streitkultur, die auch den anderen zu Wort kommen lässt. Wenn allerdings immer die gleichen Argumente kommen, funktioniert das nicht.

Was bedeutet Freiheit für Sie?
Absolute notwendige Möglichkeit sagen zu können, was ich denke, dass ich nicht subversiv sein muss, dass ich sagen kann, was ich denke. Ich brauche die Möglichkeit meine Welterklärung einem anderen mitteilen zu können. Außerdem lass ich mir nicht gerne was sagen, es sei denn ich würde es auf Anhieb oder nach Diskussion akzeptieren. Ich meine intelligent genug zu sein, andere Argumente, wenn sie besser sind, zu akzeptieren und gebe auch zu, dass mein Gegenüber Recht hat.

Viele 68er haben sich später für eine Karriere in der Politik entschieden. Hat sie das nicht gereizt?

Ich hatte den Sinn gefunden Bauer zu sein. Alles selber machen, wie im Mittelalter. Meine Lebensgefährtin hat die Jacken und Pullover selbst genäht und gestrickt, ich hab die Schafe gehütet, wir haben ausgesehen wie der Waldschrat. Aber das hält man als Kleinfamilie nicht lange durch. Heute ist unsere Kleidung auch gekauft. 

Frank Dähling
Frank Dähling
 

Im Vergleich zu dem Aussteigertypus, der alles hinter sich lässt und jeglichen materiellen Ballast entsorgt, um mit leichtem Gepäck durch die Welt zu gehen, sind sie Sammler von Gegenständen und Geschichten. Was bringt sie dazu, das alles zu sammeln?
Die Sammelleidenschaft ist ein Symbol für den Versuch den Verfall der alten Kultur zu stoppen, das heißt den nicht mehr üblichen Gegenständen einen Raum zu geben. Meine erste Studentenwohnung bestand aus Weinkisten für Bücher, einer Matratze auf dem Boden und einem niedrigen Tisch. Der Umbruch für mich kam 68, als ich auf der Straße einen Barockschrank fand, den ich mir geschnappt und restauriert habe. Ich begann, den vergangenen Werten einen neuen Sinn einzuhauchen. Mittlerweile haben wir ein modernes Telefon, Waschmaschine, Elektroherd aber keine neuen Möbel. Ich find auch heute noch viel, wobei die Zeit, dass man einen Barockschrank auf dem Sperrmüll findet, längst vorbei ist. Auf den Flohmärkten findet man auch nur Neuwaren, das ist nicht mehr spannend. Ich mag die Formen der Moderne und diese Kahlheit der Gebäude nicht. Ein Fachwerkhaus ist schon was tolles.

Mit dem Raußmühle Förderverein restaurieren wir gerade das zweitälteste Haus Eppingens. (Anm. d. Red.: Steingasse 4). Das wird ein Museum, das zeigt, wie das einfache spätmittelalterliche Leben ausgesehen hat. Vier Zimmer, um 1900 haben darin noch zwanzig Leute gewohnt. Alle Gäste der Gartenschau werden darauf stoßen.

Wofür lohnt es sich, heute auf die Straße zu gehen?
Es lohnt sich natürlich gegen Rechts auf die Straße zu gehen. Ich habe aber außerdem die Vorstellung, das ist zwar wahrscheinlich falsch, aber für mich ist es wichtiger, für die Erhaltung der Natur zu demonstrieren, als den Faschismus zu bekämpfen. Es ist ja nicht der Faschismus, der das Land zerstört. Er zerstört es nur ideologisch. In Wirklichkeit ist es die agrarindustrielle Revolution, die moderne Landwirtschaft.

Was halten Sie von Bewegungen wie Fridays for Future?
Halte ich für erstaunlich gut, hab ich so gar nicht erwartet von dieser unpolitischen Generation. Und der für mich genialste Satz von Greta Thunberg ist, 'Ich versteh gar nicht, warum ihr keine Panik habt'. Den hat man zwar kritisiert und allen voran der Dummschwätzer Christian Lindner mit "Panik ist kein guter Ratgeber“- schön gesagt. Die deutsche Aktivistin Neugebauer sagt dazu „konstruktive Angst“. Wir müssen ein Bewusstsein haben, dass wir auf der Kippe stehen. Wir sind viel mehr der Klimakatastrophe nah, als wir es ahnen. Schriftsteller und Wissenschaftler weisen darauf hin, werden aber nicht ernst genommen. Die Politiker wissen es vielleicht auch, nehmen es aber nicht Ernst. Das Bild von einem Zug, der anfängt schneller zu werden. Wenn du früh abspringst, ist gut. Wenn du bei 120 km/h abspringst, bist du tot. Wenn der Zug die Zivilisation verlässt, enden die Schienen und du bist auch tot.

Was ist Ihre Vision?
Der Homo Sapiens hat verschiedene Weltanschauungen durchlebt: die Magische, die Welt der Religionen, die Aufklärung, die die Religion bei vielen weggefegt hat, andere Leben noch in ihr. Die Aufklärung, das ist meine Kritik an ihr, hat durch Wissenschaft der Welt ihren Sinn und ihre Schönheit genommen. Es gibt keinen ergreifenden Moment mehr. Wir haben die Welt ihren positiven Zauber genommen und daher brauchen wir eine vierte Weltanschauung. Ich hab noch keinen guten Begriff dafür gefunden. Aber ein ökologisches Element muss rein. Wir brauchen eine ökologische Zeit, sonst sind wir verloren. Wir brauchen die Schamanen, die Religionen die Wissenschaftler und die künftigen Denker einer friedlichen Welt, die das Paradies als Theorie darstellen könnten.

Buntland": ein Besuch in der Raußmühle
Im Vorfeld der Lesung zu "Buntland" traf sich EPPINGEN.org mit Raußmühlenbewohner Frank Dähling.


Teil I des Interviews jetzt lesen

Verwandte Artikel
Weitere Artikel dieses Autors

Zugehöriges Unternehmen

EPPINGEN.org Redaktion

EPPINGEN.org Redaktion

115.000 Mal gesehen!

Wussten Sie, dass Beiträge über unsere Kanäle bis zu 115.000 Personen erreichen?

Werben auf dem Marktplatz

Möchten auch Sie diese Reichweite für Ihre Anzeige nutzen?

KLICKEN LOHNT SICH

Anzeige

MEISTGELESENE ARTIKEL

EIN SERVICE VON

plan IT
 
 

IHR PARTNER FÜR WERBUNG IN DER REGION

EPPINGEN.org Marketing
 
 

ÜBER UNS

EP­PIN­GEN.org ist dein Lo­kal­por­tal für Ep­pin­gen und Um­ge­bung.

Wir be­rich­ten täglich in Wort und Bild über Events,
Fir­men­news, Kul­tu­rel­les und andere wich­tig­te Er­eig­nis­se aus dem Ein­zugs­ge­biet der großen Kreis­stadt Ep­pin­gen.

Kontakt: info@​eppingen.​org

FOLGE UNS

sofort informiert mit der EPPINGEN.org App!
sofort informiert mit der EPPINGEN.org App!
 
 
loading