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Veröffentlicht am 15.02.2019, Eppingen

Einigkeit zwischen beiden Elternteilen – ist diese zwingend notwendig?

In Ihrem Blog BEZIEHUNGsWEISE - BEZIEHUNG auf wertschätzende WEISE antwortet Julia Link auf Leserfragen

von Julia Link

Julia Link
Julia Link

A.S. aus Ittlingen schreibt:


Hallo,
Am Wochenende gab's wieder Streit in unserer Familie. Am Samstag sollte unser Sohn (17), wie wir es schon Tage zuvor vereinbart hatten, bei Renovierungsarbeiten helfen. Leider hat er sich, trotz mehrmaliger Aufforderung darum gedrückt und hat lieber lange geschlafen, da er tags zuvor feiern war. Meine Frau hielt zu ihrem Sohn und verteidigte sein Weiterschlafen. Letzten Endes bin ich völlig alleine dagestanden und hatte zudem einen heftigen Streit mit meiner Frau.
Es gibt wohl nichts Undankbareres, als Eltern zu sein. Mich stört nicht, dass ein Jugendlicher versucht sich zu drücken und ich die Wand alleine gestrichen habe, sondern, dass er es tatsächlich schafft sich einer Vereinbarung zu entziehen, von seiner Mutter unterstützt wird und ich später als der Dumme dastehe. Wie gehe ich damit um, damit so etwas nicht noch mal vorkommt?


Lieber A. S.,

ich danke Ihnen für Ihr entgegengebrachtes Vertrauen und Ihre Offenheit. Zunächst einmal möchte ich Ihnen sagen, dass ich gut nachfühlen kann, wie es Ihnen an diesem Tag ergangen sein muss. Ich lese sehr viel Ärgernis, Wut, Enttäuschung und auch die Frage: „Wer bin ich und wo bleibe ich?“ aus Ihren Zeilen heraus. Sie fühlten sich weder von Ihrem Sohn noch von Ihrer Frau in dieser Situation wirklich wertgeschätzt und gesehen, was Sie verständlicherweise sehr belastet und verärgert hat. Auch wenn diese Situation ganz viele Themen anspricht, so scheint Sie ein Punkt doch am meisten zu beschäftigen: der Ärger und die Uneinigkeit mit Ihrer Frau. Ich lese heraus, dass Sie sich gewünscht hätten, dass sie Sie in dieser Streitsituation unterstützt und nicht Ihren Sohn. Deshalb möchte ich Ihnen dazu etwas schreiben:

„Müssen sich Eltern immer in allem einig sein?“

Hört man auf Ratschläge der älteren Generation, so kommt man schnell zu dem unumgänglichen Entschluss: Ja, Eltern MÜSSEN ständig und immer eine Einheit bilden, wie eine unumstößliche Mauer! Dies ist einer von vielen alten Glaubenssätzen der traditionellen Erziehung. Schon, wenn ich dies nur schreibe, fühlt sich in mir alles so schwer an, ist es doch so druckbehaftet. Wie schwierig muss das sein, immer einer Meinung sein zu MÜSSEN! Ich meine, sind wir doch mal ehrlich: Kann das wirklich funktionieren? Nein!

Schließlich sind wir alle unterschiedlich: unterschiedlich im Charakter, in der Herkunft, unsere Herkunftsfamilien. Somit sind verständlicherweise auch unsere Werte und Erziehungserfahrungen verschieden. Es ist daher keine Überraschung, wenn Eltern sich eben nicht immer in allem einig sein können und es ist auch definitiv kein MUSS! Viele Eltern handeln so in der Überzeugung, dass diese Einigkeit ihren Kindern Sicherheit gibt und Uneinigkeit ihrem Kind schadet. Jedoch weiß man heute, dass dies nicht der Fall ist. Was dem Kind schadet, sind Eltern, die nicht authentisch, die nicht echt sind. Und wenn man mal darüber nachdenkt, so ist gespielte Einigkeit, was manche Eltern so betreiben (zumindest im Beisein des Kindes), alles andere als echt. Dem Kind wird die Möglichkeit vorenthalten, jedes Elternteil mit seinen Wertvorstellungen, Erfahrungen, Bedürfnissen und Wünschen zu erleben und somit kennen und einschätzen zu lernen.

Ich weiß, die Angst, dass das Kind die Eltern gegeneinander ausspielt, ist weit verbreitet, wenn nicht sogar in die meisten unserer Köpfe förmlich eingebrannt. Diese Einstellung widerspricht jedoch jeglichen Ergebnissen aus der Bindungsforschung und widerstrebt sehr meiner tiefen Überzeugung, dass Kinder grundsätzlich Teamworker sind – sie kooperieren – immer! Sogar dann, wenn es nicht zu ihrem Vorteil ist, denn Kinder lieben ihre Eltern bedingungslos! Ja, Kinder bringen uns an unsere Grenzen, egal welchen Alters sie sind, keiner schafft das so gut wie sie. Und gerade deswegen sollten wir Erwachsenen aufhören, die Verantwortung für diese Hilflosigkeit bei unseren Kindern zu suchen. Wir können aufhören zu kämpfen und zu sagen, dass unser Kind eben schwierig ist und dürfen anfangen Verantwortung für uns selbst zu übernehmen, für unsere Handlungen, für das, was wir fühlen und sagen und ganz besonders für unsere Werte, Bedürfnisse und Fehler. Wir dürfen mit unseren Kindern sprechen und ihnen von uns erzählen, unseren Gefühlen, unseren Bedürfnissen und Vorstellungen. Nur so ermöglichen wir ihnen, auch danach handeln zu können – das ist Beziehung!
Was die Partnerschaft betrifft, so hat Jesper Juul dazu ganz wundervolle Worte gefunden:

„Eltern müssen nicht in allem einer Meinung sein, sie müssen nur einen gemeinsamen Weg finden, mit Unstimmigkeiten umzugehen.“

Ich glaube tatsächlich, dass das alles ist, was es braucht: einen gemeinsamen Weg! Dieser könnte zum Beispiel sein, die Uneinigkeit zu tolerieren. Die Bindungsforschung hat, wie bereits oben erwähnt herausgefunden, dass es für die Kinder in ihrer Entwicklung keine Rolle spielt, ob die Eltern sich einig sind oder nicht. Entscheidend ist jedoch, dass sie diese Uneinigkeit tolerieren. Wenn Eltern die Uneinigkeit als Bereicherung empfinden, so geben sie ihren Kindern die unbezahlbare Chance zu einer starken, eigenständigen und toleranten Persönlichkeit heranzuwachsen. Unterm Strich steht also etwas vollkommen anderes als bisher von den meisten gedacht: her mit den unterschiedlichen Meinungen!

Lieber A.S., Sie werden sich nun bestimmt fragen, wie sich das umsetzen, bzw. sich das praktizieren lässt, erst recht, wenn bereits viel und oft über genau dieses Thema diskutiert oder eben auch gestritten wurde. Ich würde sagen: als aller erstes durchatmen. Dann möchte ich Sie und Ihre Frau einladen, Ihren Blick zu öffnen. Den Blick dafür, dass jedes Verhalten, jede Sichtweise und jeder Wert Vor- und Nachteile hat. Beschäftigen Sie sich mal mit dem Gedanken, was von dem Verhalten, der Sichtweise oder der Werte Ihres jeweiligen Partners vielleicht in irgendeiner Weise sowohl für Sie als auch für Ihren Sohn von Vorteil sein könnte. Wenn Sie es beide schaffen, Ihren Blick vom Fehlerfokussierten auf das Offene und Wertschätzende zu lenken, dann finden Sie höchstwahrscheinlich sogar Möglichkeiten voneinander zu lernen und diese neu gefundenen positiven Aspekte mit in Ihr Leben einzubinden.

Und wenn Sie es geschafft haben, Ihre Unstimmigkeit und Ihre Unterschiede auf diese Weise zu betrachten, dann machen Sie Ihrem Sohn das größte Geschenk überhaupt: ein reichhaltiges Repertoire an Eigenschaften, Verhaltensmustern und Werten, aus denen er schöpfen und sich entwickeln kann, denn mit 17 Jahren ist die Persönlichkeitsentwicklung noch lange nicht abgeschlossen. Ich bezweifle sogar, ob sie das überhaupt jemals ist. 😊


In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, lieber A.S. und Ihrer Familie, ebenso wie allen anderen Lesern eine wundervoll offene und wertschätzende Zeit voller neuer Möglichkeiten und ganz warmen Verbindungen.


Herzlich,
Julia

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Julia Link ist Anfang 30 und stolze Mama eines Mädchens und eines Jungen. Die staatlich anerkannte Erzieherin hat eine einjährige Weiterbildung zur bindungs- und beziehungsorientierten Eltern- und Familienberaterin absolviert. In Ihrer Kolumne BEZIEHUNGsWEISE - BEZIEHUNG auf wertschätzende WEISE berät Julia Link Fa­mi­li­en zu den Themen El­tern-Kind & Kind-Kind-Be­zie­hung.

Ihr habt Fragen? Julia Link hilft Euch gerne. Schickt uns eine Mail an info@​ep­pin­gen.​org mit dem Betreff Be­zie­hungs­wei­se und lest Julias Antwort in einer der nächs­ten Aus­ga­ben ihrer Kolumne.

Wir freuen uns über Eure Ein­sen­dun­gen!

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