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Hinrich Zürn:

"Ich male, weil ich auf der Suche nach der Wahrheit bin"
Zur Malerei von Hinrich Zürn:

In der Taz schreibt jemand zu einem Film über Jackson Pollok den Satz: "Künstlerische Kompetenz als atemberaubende Akrobatik des Pinselschwungs". Da fällt mir ein, daß ich Hinrich Zürn noch nie malen sah. Ich habe mich gefragt, ob er vor seinen Bildern tanzt, oder ob er an einem tanzenden Pinsel hängt. Ich muß das mal beobachten.

Der in der Mühle am Streichenberg aufgewachsene Kunsterzieher, Forstwissenschaftler und akademische Maler Hinrich Zürn hat sich schon früh in dem romantischen und von Kunst geprägten Umfeld mit Landschaft und Architektur auseinandergesetzt. In dem ehemaligen Mühlenraum, sehr hoch, mit Sandsteinplatten ausgelegt, ist noch die Schleifspur eines großen Wasserrades an der Wand zu sehen. Dort lehnen in seinem riesigen Atelier die großformatigen Ölbilder, dort entstehen die neuen Werke. Die ehemals ruhigen, doch stark farbigen Bilder, an deren Rändern sich hin und wieder schüchtern Häuser oder Bäume zeigten sind irgendwie aufgewacht, haben eine nahezu hektische Beweglichkeit bekommen.

Ausgehend von zahllosen Zeichnungen, Skizzen und schnellen Hinwürfen in der Natur, folgt die Malerei der geschwungenen Linie, der Schraffur, der bewegten Geste. So kann sich eine Straße, eine Stromleitung, eine Häuserwand durch das Bild ziehen und in einem großen Bogen die gesamte Komposition gliedern und zu einem bestimmenden Element werden. Hier wird nicht ein Stück Landschaft dokumentiert, sondern das Wesentliche, das Haltgebende eines Ausschnitts der Wirklichkeit wird herausgearbeitet, auf eine Grundform reduziert, einem innewohnenden Farbcharakter zugeordnet, um in einer Reflexion die Idee oder den Archetypus sichtbar zu machen.

Hinrich Zürn malt, weil er auf der Suche nach Wahrheit ist, wie er selbst sagt. Hat man die "Wahrheit" eines Feldes, einer Baumreihe, einer Häuserfront erkannt, kann man sie auf der Leinwand neu erschaffen, ohne zu kopieren. Nur in der Kunst wird die Wahrheit sichtbar. Der Begriff Wahrheit ist in seinem gewöhnlichen Sinn unzulänglich. Wahrheit ist nicht vorstellbar, denkbar, konstruierbar, sie ist annähernd zu erahnen. Sie ist in einem künstlerischen Schaffensprozeß die einzige Alternative zur Sinnlosigkeit, zum Nichtsein schlechthin. Kunst also als Sinngebung des Seins, als einzige Antwort auf die Frage nach dem Grund der Vorhandenheit des Seins.

"Malerei ist nur möglich mit dem Wissen um die Tradition in der Malerei. Die Weiterentwicklung der Malerei hat das fühlende Verstehen der bisher existierenden Malerei zur Voraussetzung. Hat man diese ganz verinnerlicht, kann man aus sich heraus Neues schaffen, zur Wahrheit vorstoßen" schreibt Hinrich Zürn über seine Malerei. Der Prozeß der "Wahrnehmung" beginnt mit einer Zeichnung von der Natur. " Die Zeichnung ist Ausgangspunkt für die ’Reise’, welche die Bildfindung darstellt. Die Zeichnung fängt Welt ein, abstrahiert, übersetzt sie ins Bildnerische. Ausgehend von der Zeichnung wird im Bild Welt erschaffen".

Diese "Reise", wie er das Malen nennt, hat ihr Pendant im Leben des Malers Hinrich Zürn. Frankreich, Spanien, Italien, Marokko, Indien, Ägypten und Rumänien und natürlich seine Heimat im Kraichgau sind Auslöser für das schon beachtlich umfangreiche Werk des jungen Malers.

"Der Reichtum der sichtbaren und der wahrnehmbaren Welt sind mir eine nie versiegende Quelle künstlerischer Inspiration, doch nur durch die Übersetzung in abstrakte Zeichen auf der Leinwand lassen sich Dinge ausdrücken, die jenseits des Sichtbaren liegen" sagt Hinrich Zürn. "Der Bildprozeß umfaßt zwei Bewegungen: Die vom Gegenstand in der Realität zum Bildgegenstand und die vom Nichts auf der Leinwand zu einem formalen, abstrakten Gefüge. Es ergibt sich eine doppelte Lesbarkeit meiner Bilder: Der Betrachter kann den mehr oder weniger deutlich abgebildeten Gegenstand eines Bildes entziffern, er kann es aber auch als abstraktes Gefüge lesen und entlang den abstrakten Elementen eines Bildes wie in einer Landschaft mit den Augen herumwandern."

Es ist von Außen nicht erkennbar, ob z.B. im Bild mit dem Titel "Mittelalter in Barcelona" geplant ist, daß sich in einer dritten und vierten Lesbarkeit die Komposition von goldenen erleuchteten Häusern und dunklen Kellereingängen zu einem in die Bildfläche hineinragenden gotischen Wasserspeier, oder gar zu einer metaphysischen Landkarte Spaniens verwandelt, oder ob das ein "Zufallsprodukt" der komplexen und doch so formal reduzierten Komposition in ihrer Eigenwilligkeit ist. Es ist gleichgültig; wesentlich ist, daß diese Ebenen aufscheinen.

Das "Coublanc 1999" betitelte Bild, das sich leider in Privatbesitz befindet und es so sinnlos ist anzufangen zu sparen, um es zu erwerben, lebt von der ins Extreme gesteigerten Spannung eines lichtdurchfluteten Hauses in einer düster heraufziehenden Gewitterlandschaft. Unzerstörbar in dem von uns überschaubaren Zeitrahmen scheint das alte Gebäude in unser Bewußtsein zu treten und man meint zu verstehen, wenn Hinrich Zürn sagt: "Ich erlebe diesen Moment, in dem ein Bild vollendet wird und zu eigenem Leben erwacht, als würde es zu leuchten beginnen. Fast plötzlich erscheinen alle Elemente des Bildes in aller Deutlichkeit, leuchten alle Farben, ordnen sich in die Bewegungen im Bild. Die Farbe strahlt über die Kanten der Leinwand hinaus, die Leinwand scheint sich auszudehnen. Ein Fünkchen Wahrheit zeigt sich, ein kleiner Moment vollendeten Glücks für den Maler - bis er sich an das nächste Bild begibt".

Frank Dähling, Raußmühle Eppingen, 2002

Weitere Bilder und Informationen zu Hinrich Zürn sind auf seiner Internetseite unter www.h-zuern.de zu finden.

Künstlerischer Werdegang:

1994/2001
Studium der Kunsterziehung und der Geographie an der Hochschule der Bildenden Künste Saar und der Universität des Saarlandes, Saarbrücken

1994/1995
Grundklasse bei Prof. S. Rompza

1995/2001
Studium der Malerei bei Prof. B. Baumgarten

1996/1997
Studium der Freien Kunst an der Ecole Nationale des Beaux-Arts de Dijon, Burgund; Studium der Malerei bei den Profs. Metzger und Ming, Studium der Fotographie bei Prof. Batho

2001
Ernennung zum externen Meisterschüler von Prof. B. Baumgarten

seit 1989
längere Aufenthalte und Reisen in Frankreich, Spanien, Italien, Marokko und Indien

1999
dreimonatiger künstlerischer Arbeitsaufenthalt in Kairo / Ägypten

2000
sechsmonatiger künstlerischer Arbeitsaufenthalt in Rumänien

seit 2001
lebt und arbeitet in Saarbrücken und am Streichenberg im Kraichgau