Försterling/Kubin - Jochen Diehm - Harry van Essen - Hinrich Zürn - Michael Fekete - Rostislaw Zadykowitsch - Ralph Nieling

Hermann Försterling / Susanne Kubin:

Seit einigen Jahren lebt der Maler und Grafiker Hermann Försterling mit seiner Lebensgefährtin Susanne Kubin in Eppingen. Eine alte Scheune, die dem Eppinger Original Günther Bossert als Mopedreparaturwerkstatt, Rumpelkammer, Lagerraum für zahllose Werkzeuge, Maschinen und technische Spielereien gedient hatte, ist in aufwendiger Weise in ein großes Atelier umgewandelt worden. Darüber die Wohnräume und die Malecke von Susanne Kubin.

Die Metallfenster mit den vielen Sprossen geben dem ebenerdigen Atelier einen Werkstattcharakter. Die große Presse zur Herstellung der "berühmten Heliogravüren" nimmt das hintere Drittel des Raumes ein. An der Längswand eine Werkbank mit Schleif- und Bohrmaterialen, gegenüber die Dunkelkammer für Fotoentwicklung. An den Wänden Regale und Schränke mit Papieren, Filmen, Kupferplatten, zahllosen Graphiken und Bildern, umgedrehte Leinwände. Wer ein bisschen etwas von Malermaterialen versteht, bemerkt sofort, dass Farben und Pinsel vom Feinsten sind.

Seit 1983 hat sich Hermann Försterling der Fotografie zu gewandt. Die Ergebnisse sind eindringliche Heliogravüren, die auch bereits von bedeutenden Museen angekauft wurden. Die Heliogravur, eine aufwendige Edeldrucktechnik, wird heute nicht mehr häufig benutzt, da es ein teueres, arbeits- und zeitaufwendiges Verfahren darstellt. Die Materialien zur Herstellung der Helios sind im Handel nicht mehr erhältlich, deshalb experimentiert Hermann Försterling mit Röntgenfilmen, was bereits zu adäquaten Ergebnissen geführt hat.

1999 macht das im Braus Verlag erschienene Buch "Heads" die raffinierten und geistreichen fotografischen Selbstverwandlungen einem breiteren Publikum zugänglich. "Mein Gesicht ist ein Gesicht ist kein Gesicht" zeigt Selbstportraits aus sehr geringer Entfernung unter extremen Lichtverhältnissen. Oft glänzen Reste von Wasser oder Schweiß wie Perlen auf der mal samtigen, mal zerklüfteten Landschaft seines Gesichts.

Verschwommen es geht in scharf Konturierte Partien über und verlieren sich wieder im Ungewissen, was die Portraits schwer zugänglich, bedrohlich und beängstigend, machnchmal sogar monströs wirken lässt.

In einem 1996 begonnenen Zyklus zeigt sich Hermann Försterling wie ein mittelalterlicher Straßensänger in atemberaubender Veränderungskunst in Szenen persönlicher und gesellschaftlicher Tragödien. An den Lippen des" Verlierers" reißt ein Angelhaken, Dornen die im Gesicht des "Liebhabers" wachsen, symbolisieren Schmerz und Schönheit der Liebe. Im Verschmelzen einer Hand mit dem Gesicht entsteht der "Denkpartner", ein Totenschädel zeigt das schreckliche Ende eines Infarkts.

Obwohl die Radikalität der Gestaltungen auf persönlichen Erfahrungen beruhen muß, weisen sie in Ihrer universellen Aussage weit über private Erkenntnisse hinaus. Die zentralen Belange dieser Selbstbefragung beschreiben allgemeingültige Themen wie Entfremdung, Tod, Desillusion, Sexualität, familiäre Konflikte etc.

Von Edward Munch´s "Schrei", über Francis Bacon´s verzerrten, "entsinnten" Portraits, bis zu Hermann Försterlings sinnsuchenden Verwandlungen weht uns eine Heimatlosigkeit an, deren kalte Herauforderung uns zwingt aus unterer erstarrten, gleichgültigen Konsumhaltung herauszutreten, um unsere eigenen Lebensentwürfe erneut zu hinterfragen. In seinem neustem Buch mit dem Titel " Akt" beschäftigt sich Hermann Försterling mit erotischer, Fotografie. Das Ergebnis sind intensive, sinnliche und aufregende Akte. Forsterling ist ein Meister der Inszenierung, aber auch der Provokation und er versteht es, dies in seinen Bildern zum Ausdruck zu bringen.

Seit einiger Zeit arbeitet Hermann Försterling an großformatigen Ölbildern, die er in monatelanger Arbeit und altmeisterlicher Technik herstellt. Einziges Thema dieser voluminösen und opulenten Gemälde sind Rosen, die eine bedrohliche Nähe einnehmen. Obwohl eigentlich nichts darauf hinweist zeigt die schier unfassbare Schönheit dieser Bilder eine alptraumhafte Bedrohlichkeit, die die Banalität des Bildgeschehens auf eine fast surreale Ebene erhebt, die den Blick des Betrachters fesselt und ihn " berührt" in Erstaunen versetzt. Die Rosenblätter scheinen sich plötzlich wie blutige Eisschollen krachend ineinander zu schieben, orgiastische Verrenkungen riesiger Geschlechtsteile beginnen vor den Augen zu tanzen und inmitten tumultartiger Schlachtenszenen meint man das Röcheln der Sterbenden und das Wiehern der Pferde zu hören. Und doch sind es nur Rosen, präzise und sortenrein, wie für einen botanischen Katalog.

Susanne Kubin 1966 in München geboren, 1986 - 1992 Studium in der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Reutlingen (Fachrichtung Textilwesen) malt nicht erst seit sie die Lebensgefährtin von Hermann Försterling ist. Ihr bisheriges Schaffen zeigt drei Phasen; die frühen Portraits mit Abdruck und Körperabdruck, die Portraits auf Gelatinepapier und die neusten Ölbilder, die in Sulzfeld gemeinsam mit Werken von Hermann Försterling zu sehen waren.

Wie entstanden die Abdrucke? Yves Klein z. B. bemalt für seine Anthropmetrien die menschlichen Körper mit Farbe und lässt sie dann direkt auf die Leinwand abdrucken. Susanne Kubin streicht zunächst Öl auf ihr Gesicht und drückt es aufs Papier, die fettigen Stellen werden mit Pigment bestäubt und machen so den Abdruck sichtbar. Dieser Abdruck bildet die authentische Grundlage für das Selbstportrait. Später beginnt sie ohne die Abdrucke zu zeichnen, den "Zufall" auszuschalten, den Weg des Bildes selbst zu bestimmen. Sie verwendet ein beschichtetes Gelatinepapier, das hart und wiederstandsfähig ist. Die unterschiedlichen Grautöne entstehen durch Befeuchten des Papiers und Verwischen von Zeichenkohle oder Graphit.

Seit ca. einem Jahr haben Öl und Leinwand Stift und Papier abgelöst. Von den fast "abstrakten" Portraits der Abdrucke findet Susanne Kubin mehr und mehr zu einer realistischen Darstellung ihres Gesichts. "Mit dem eigenem Gesicht geht man hemmungsloser um als mit dem eines Modells", sagt sie. "Die Rücksichtsnahme engt ein. Das eigene Gesicht hingegen verträgt schonungslose Betrachtung, es ist vertraut und verfügbar". Nicht die fotorealistische Wiedergabe des Gesichts ist ihr Anliegen, sondern der Mensch in seiner Tiefe, die Stimmungen die ihm Ausdruck geben.

Obwohl hinter der wechselnden Landschaft des Gesichtes die immer selbe Person zu erkennen ist, erscheint sie doch in vielfältigen Aussageformen, die den jeweiligen psychischen Zustand des Trägers spiegeln. Und so nimmt das Gesicht Teil an den gesellschaftlichen Prozessen, die der Mensch prägt und von denen er geprägt wird. Immer wenn ich bei Försterling / Kubin vorbeischaue bin ich erstaunt über den Ernst mit dem die beiden Künstler an ihren Themen arbeiten, die sich fast mönchisch zurückziehen, um ihrem Werk mehr und mehr Aussagefähigkeit einzuhauchen. Ich bin mir sicher, dass wir noch Bedeutendes von beiden zu erwarten haben.

Frank Dähling, Raußmühle Eppingen, 2002