Försterling/Kubin - Jochen Diehm - Harry van Essen - Hinrich Zürn - Michael Fekete - Rostislaw Zadykowitsch - Ralph Nieling

Michael Fekete:

"Das Überflüssige entfernen"
Ein Gespräch mit dem freischaffenden Steinbildhauer Micha Fekete:

Es ist nicht leicht Micha zu bewegen für ein Foto vor einem angefangenen Werkstück zu posieren. Da es leider nötig ist, tut er es widerwillig "Wenn ich wirklich arbeite störst du nur und wenn ich so tue für ein Interview ist es ein Mist", scheint er zu denken. Recht hat er, aber so ist's halt, wenn man vorgestellt wird.

Ein paar Tage später sitze ich an einem niedrigen Tisch in seinem Atelier in Ittlingen. Der große hohe durch ein Glasdach hell erleuchtete Raum ist die Keimzelle der 1926 erbauten landwirtschaftlichen Fabrik Salmet. "Die hatten ein Patent auf einschraubbare Eggenzähne, sind größer geworden und umgezogen". Seit ein paar Jahren nutzt Micha Fekete die Räumlichkeit als Wohn- und Arbeitsatelier. An den Wänden hängen mannshohe Zeichnungen vom Freiburger Münster, klassizistischen Hausgiebeln und Details historischer Bauteile von Domen und Bürgerhäusern. In den Ecken und auf Regalen stehen zugestaubte Gipsmodelle von gotischen Wasserspeiern und eigenen Entwürfen. Auf einem waagerecht gestellten Zeichenbrett kreuz und quer, Bücher, Stifte, Kreiden, eine große Rolle durchsichtige Kopierfolie usw. Mein Blick bleibt an einem großen Zeichenbogen hängen. "Daran habe ich letztens gearbeitet und wochenlang die Zeichnung angefertigt" sagt M. Fekete. Ich bin erstaunt, dass in dieser ländlichen Werkstatt solche komplizierten Profile, Verkröpfungen und aufwendige Bauornamente entstehen "Ein Gebäude von 1887 in Mannheim, rechts und links davon war alles zerstört im Krieg. Dies kostbare Haus hat schwer beschädigt überlebt, wird endlich restauriert, meist ist ja für Kunst kein Geld da", fügt er an. Ich drehe ein paar Bücher um: "Die Konstruktion in Stein, Schrift und Symbol" von Jakob und Zeicher, das Steinhauerbuch.

Wir umrunden ein paar zusammengefegte Steinhaufen und stehen vor dem halb fertigen Gewänd eines ovalen Fensters in rotem Sandstein. "Geht nach Heidelberg, irgendein Bauwerk. Ich arbeite nach einer Zeichung, die mir vorgelegt wurde". "Meine Art den Beruf des Steinbildhauers auszuüben, betrachte ich als einen Beitrag zur Ökologie. Hier gibt's keinen Presslufthammer ganz selten eine Flex. Alles wird wie früher mit historischen, teilweise sehr alten Werkzeugen durchgeführt, d.h. viel weniger Staub, Lärm und Stress" Auf einem Tisch das gut geschärfte Werkzeug in peinlicher Ordnung. Zahnflächen, Zahneisen, Krönel, Stockhämmer (auch Kraushämmer genannt), Beizschlageisen, Schariereisen ¼, ½ und volle Preller, Spitzeisen, Setzeisen zum Absprengen von Bossen. "Wenn man bedenkt, dass der Schmied Fritz Bender aus Niederhofen, der mir meine Eisen ausschmiedet und härtet schon 70 Jahre ist, sieht's düster aus. Die jungen Schmiede können das nicht mehr. Und da nur noch wenige diese Werkzeuge brauchen, lernen sie's auch nicht".

Wir sprechen über das alte Handwerk, das immer weiter in Vergessenheit gerät. Heute wird der Stein nur noch gesägt. Da das Wort "Steinmetz" vom Althochdeutschen "meizan" kommt, was "hauen" bedeutet, sollten sich die heutigen Steinmetzen Steinsäger nennen. Selten werden heute noch Steinmetzzeichen in Werkstücke geschlagen. Steinmetzzeichen sind monogrammartige oder geometrische Zeichen, die von den Steinmetzen seit Mitte des 12. bis Anfang des 16. Jahrhunderts in die bearbeiteten Steine gehauen wurden. Sie waren Erkennungsmittel (z.B. für die Lohnberechnung), in den Bauhütten des Mittelalters auch Ehrenzeichen. Der Alltag eines freischaffenden Steinbildhauers besteht aus der Herstellung von Bauteilen, wie Fenstern, Türgewänden, Ecksteinen und statischen Elementen, Inschriften, Grabsteinen und Gartenschmuck. Selten hat man Zeit einen eigenen Entwurf zu planen und durchzuführen. Natürlich sind die Steinmetzen oft Künstler, das gekonnte Handwerk geht in den Bereich der Kunst über, man will sein eigenes Formverständnis und seine Formensprache fixieren, um Teil zu nehmen an der künstlerischen Manifestation des Menschen. Auf M. Feketes Visitenkarte steht : Fekete (der kommt übrigens aus dem Ungarischen und bedeuten "schwarz"), Restauration in Naturstein und unikate Ornamentitk, was immer das sein mag.

Wir setzen uns an den niedrigen überladenen Tisch hinter dem Pläneschrank, daneben der selbstgemauerte Ofen mit dem langen Ofenrohr, das in den restaurierten Schmiedekamin geht. Bald kommt der Winter überlege ich und erinnere mich an ein Gespräch vor ein paar Jahren. Man fröstelte am Ofen, der Wärme produzierte, die hoffnungslos in dem großen Atelier verschwand. Der alte Hund Michas lag mit dem Fell an den warmen Stein geschmiegt und zwischen uns kam das Gespräch trotz heißem Tee nur schwer in Gang.

Heute ist es anders. Wir reden über die alten Bauhütten, ich erzähle vom Film über Goldworthy: Rivers and tides, Micha war schon Jahre lang nicht mehr im Kino. Okay er geht auch nicht in diesen wichtigen Film über einen ökologischen schottischen Künstler. Von der konkreten zur spekulativen Maurerei, wir sind bei den Freimaurern angelangt. "Obwohl ich die Dome und Kirchen des Mittelalters von ihrer handwerklichen Seite bewundere, sind sie groteske Anmaßungen, hypertrophe Denkmäler der menschlichen Sehnsucht", sagt Micha. "Schlimmer natürlich die, die die Dome bombardieren, die die Erde in eine Wüste verwandeln", sagt er weiter. "Selbst in seinem Anspruch großartige Künstler zu sein, ist der homo sapiens bloß eine Epigone", erweitere ich.

"In den Strukturen der Natur, der Pflanzen z.B. ist ein aus der Zweckmäßigkeit entstandener Formenkatalog von höchster künstlerischer Entfaltung enthalten, was der Bildhauer Karl Blossfeldt in seinen "Urformen der Kunst" schon Ende er 20er Jahre erkannte. Dem gegenüber sind die menschlichen Entwürfe bloß vereinfachte, nachgemachte Reduktionen des längst Vorhanden. Wo liegt die Bedeutung des Menschen?" "Vielleicht schaut die Natur sich selbst durch die Augen des Menschen an", meint Micha. "Ich glaube das ist schon viel zu anthropozentrisch sage ich, "die Natur, von der wir ein Teil sind, hat es nicht nötig sich selbst zu betrachten, sie ist Subjekt und Objekt zugleich, ungespalten, ungetrennt, ganzheitlich, sie ist einfach sie selbst". "Besser noch, als Kunst zu schaffen wäre gar "nichts" zu tun, einfach Teil des Ganzen zu sein, wie die Aborigines in Australien, die das Leben voll erfassen, ohne einen Schaden zu hinterlassen nach 40000 Jahren" bemerkt Micha. Während er mir erzählt, dass ihn letzthin ein Bussard beim Spielen des Didgeridoo belauschte, eine stille Melodie, die im kollektivem Unbewußten des Bussardseins eine seltsame Erinnerung in Gang setzte, bemerken wir nicht, wie die Zeit verrinnt.

Plötzlich steht M. Fekete auf und sagt: "Mann, ich muss noch was schaffen heut, die Heidelberger warten auf das ovale Gewänd". Da beginnt er wieder mit einer ungewöhnlichen Präzision an seinem Werkstück zu arbeiten. Im Hinausgehen sagt er nebenbei "Steinbildhauerei ist kein Hexenwerk. Im Stein sind alle Figuren und Formen enthalten, man muss bloß das Überflüssige weghauen".

Frank Dähling, Raußmühle Eppingen, 2002

Lebenslauf/ Werdegang:

Geb. am 16.5.1958 in Neckarsteinach, besuch des Gymnasiums in Heidelberg

1986
Abschluss einer Steinmetz-/Steinbildhauerlehre, Steinbildhauerprüfung

1986-95
Mitarbeiter der Firma H.Holz/Mühlbach, Mitarbeit an verschiedenen Restaurierungen wie Schloss Ludwigsburg; Cäcilienstraße Heilbronn

1995-97
Assistent im Atelier Nieling/Epp.-Rohrbach

Seit 1997
freischaffender Steinbildhauer mit eigenem Atelier in Ittlingen
- Ausführungen von Privataufträgen
- Mitarbeit an Restaurierungen mit Schwerpunkt hist. Bildhauerarbeiten
im Raum Mannheim/Heidelberg

2001
Ausstellungsteilnehmer im Rathaus Heidelberg im Rahmen des Innungstages der Innung Baden

2002
Ausstellung Kunsthandwerkermarkt Richen