Försterling/Kubin - Jochen Diehm - Harry van Essen - Hinrich Zürn - Michael Fekete - Rostislaw Zadykowitsch - Ralph Nieling

Jochen Diehm:

Von Eppingen kommend biegen wir kurz vor Grombach links ab in Richtung Steinsfurt. Erster Feldweg rechts, die letzten Häuser hinter uns lassend, fahren wir in ein enges kleines Tal mit einem mäandrierenden Bächchen. Durch das fast bis zum Ufer bewaldete Tal fährt die Eisenbahn. Nach einigen hundert Metern führt eine Brücke zu einem schmucken Bahnwärterhäuschen auf der anderen Bachseite. Hunde bellen, aus einem Freakbus schauen verschlafen ein paar Bewohner. Vor diesem Anwesen befindet sich das "Freiluft-Atelier" des Bildhauers Joachim Diehm.

Er erwartet uns in seiner mit Plastikplanen bespannten Werkstatt. Ein gusseiserner Ofen spendet Wärme, nötig an diesem zwar sonnigen, aber noch recht kalten Frühjahrsnachmittag. Auf einem Werkbock, wo sonst die Steinrohlinge liegend auf des Künstlers Fertigkeit warten, der die in ihnen wohnende Skulptur in die Sichtbarkeit befreit, auf einem Brett Butterbrezeln, Cafe und Wein.

Gut vorbereitet für ein Gespräch mit dem Künstler. Auf dem Ofen ein Steinblock, die Flächen angezeichnet, darauf ein Gipsabguss einer Milchtüte aufgerissen und leicht eingedrückt, das Modell für die Skulptur, die im Steinblock steckt.

"Möchte jemand Milch zum Cafe?" Aber die Milch kommt aus einer Echten Tüte. Scheinbar ist die 1999 in der Empfangshalle des Heilbronner Hauptbahnhofs gezeigte "Neue Serie" (eine durchnummerierte Skulpturenreihe) noch nicht zu Ende.

In einer dazu erschienenen Broschüre sieht man den Künstler mit Anzug und Krawatte hinter einem Verkaufstisch mit Blick und Gestus eines Verkäufers seine "Gegenstände von mäßiger Hitze und höchster Qualität" anbieten. Wir staunten damals nicht schlecht, als wir die Serie der in Stein gehauenen Alltagsgegenstände zum verblüffenden Klang von Volker illi´s Kartonorchester zum ersten mal sahen.

24 Dinge, präzis und photorealistisch aus Stein gehauenen, die uns schon immer in unserem Alltag begleitet, bedroht, genervt hatten. Warum hat der Künstler Jochen Diehm diesen banalen Wegwerfgegenständen eine Dauer verliehen, die ihnen in der Realität nicht zukommt.

Dieses zusammengeklappte Kurzliegebett, das Taschenmesser mit Bierdosenöffner, die Brotschneidemaschine (der Kurbelgriff abgebrochen, wie´s mit diesen Massenartikeln in der Realität immer wieder geschieht!), natürlich das Handy (als Diktiermikrophon bezeichnet!), das steinschwer auf unseren nutzlosen Gesprächen liegt, der Vogelkäfig (man bedenke: Diese luftige Gitterkonstruktion aus einem Steinblock herausgehauen!), Kuchengitter, Besteckabtropfbecher (das Wortungetüm ist selbst schon eine bedrohliche Ungeheuerlichkeit), Klebebandrolle, Knäckebrot, Sechserpack, Koffer, Zitronenpresse, Autobatterie, Wäscheklammer, Nadelkarte, Abfalleimer, Badeschuhe, Kassettenpapier, Radiorückwand, Gugelhupf (steht nicht ein echter Gugelhupf auf dem Werkbock?), zerbeulter Kanister und Verbandskasten!



Erschreckend diese "Zeitikonen" unserer Wegwerfgesellschaft. Als van Gogh zum ersten mal ein paar Bauernschuhe malte, war dies eine Provokation ohne Gleichen. Wir sind gewohnt den Alltag der Moderne in der Kunst wiederzufinden. Jochen Diehms Skulpturen sind eine Aufforderung darüber nachzudenken, ob es sich lohnt nach diesem massenhaften Warenangebot zu lechzen, immer wieder Wegwerfdinge zu kaufen, die kurz darauf unsere Müllplätze und schon lange unser Bewusstsein überflutet haben. Andererseits gibt der Künstler auch die Möglichkeit durch eine "überhöhte" Betonung des Banalen selbst in diesen Gegenständen noch ästhetische Strukturen zu entdecken.

Wir machen nach einem Schluck Wein einen kleinen Rundgang durch Jochen Diehms Arbeitsplatz: Eine seltsame leicht gebeugte Stele vor einem Hühnerstall, unvollendet, da die Skulptur (genannt: der Hühnergott) auseinandergebrochen ist, in einer Bachschleife eine gerade ausschlagende Weidenskulptur. Ein idealer Platz zum Nachdenken, zum Hereinlassen von Ideen.

Auf die Frage nach der Beeinflussung durch andere Künstler zitiert Diehm den in Hessen 1931 geb. Bildhauer Heinz Mack: "Meine Gedanken fallen wie Steine vom Himmel und gefährden mein Leben, ich mache Vögel daraus und lasse sie wieder fliegen, für diese erleichternde Arbeit brauche ich alle meine Kräfte."

Jochen Diehm erzählt über die Entstehung seiner Kunstwerke: "Am Anfang steht meist eine ,fixe Idee', etwas drängt in mir herauf und will herausgelöst werden. Diese Idee ist oft nur eine Ahnung, ein Gefühl ohne konkrete Form. Die Arbeit hängt von der Glücklichkeit der Umgebungseinfälle ab. Gleich, wie bei der Lösung eines Problems, müssen verschiedene Möglichkeiten durchgespielt werden. Der Weg zum Ziel bewegt sich zwischen totaler Blockade und beschleunigter magnetischer Anziehung. Zerdrücktes Blech, Fingerabdrücke, organische Wucherungen, Ruinenrahmen, geknitterte Postkarten, verzerrte, geblähte Übertragung konischer Schächte.

Ein Fundstück wie der Süßwarenautomat, oder der Kanister, ist auch ein Auslöser zur Arbeit an einer Skulptur. Kanister ,wertloser, verrosteter Blechschrott' wird durch Übersetzung in den ,ewigkeitssymbolisierenden' Stein zur faszinierenden, betrachtenswerten Form. Eine Art Versöhnung mit dem Wertlosen. Automat - ein magischer Kasten aus meiner Kindheit. Aus dem flachen, quadratischen Automaten entsteht eine elliptische, aufgeblähte Brotform, ein persönliches Erinnerungsdenkmal, eine art mumifiziertes grinsen der Geisterkopf.

Abdruckplatten - alter Sandstein mit Luftlöchern von einem aus Sandstein gebautem Schweinestall bleiben in ihrer Form und Oberflächenbearbeitung unverändert. Durch meine Arbeit kommen nur vergrößerte Fingerabdrücke auf die Platten hinzu. Kunst als Archäologie im eigenen, vielleicht sogar kollektiven Unterbewusstsein. Abdrucksammler in den Wachsplatten, Archiven des Gehirns, ein Ausbruchsversuch aus der materialistischen, normierten, diktierten, verlogenen Fassadenwelt."

Wir könnten noch stundenlang bei Jochen Diehm in seiner improvisierten Werkstatt philosophieren. Beim Abschied stehen wir vor seinem letzten großen Bildwerk: Ein ca. 3,50 Meter hoher aufgeschichteter Steinhaufen aus Porphyr. Die Steine sind, sich ineinander verkrallend, passgenau aufeinandergesetzt. Diese Arbeit ist von Außen nicht sichtbar. Des Künstlers Handwerk liegt im Inneren der Skulptur.

Was ist das? Eine archaische anthropomorphe Stele, ein Lesesteinhaufen, der die Besiedelungsgeschichte des Kraichgaus reflektiert, ein Stadtwächter, eine Marke in der undurchschaubaren Wüste unserer Moderne, ein Roland der die freien Bürgerrechte schützt? All das hätte die Figur sein können, und es wäre eine diskutable "Bereicherung" für die Stadt Eppingen gewesen, wenn das Kunstwerk den Kreisel in der Rappenauer Straße geziert hätte. Leider hat der Gemeinderat sich zu solch einer Entscheidung nicht durchringen können.

Jochen Diehm verabschiedet sich mit dem Satz: " Wir sind zwar alle Liebhaber der freien Künste, trotzdem können wir für nichts garantieren". Wir lachen und sind sicher, dass wir wiederkommen.

Frank Dähling, Raußmühle Eppingen, 2002

Interessierte können unter der Rufnummer 0 71 38 / 28 02 mit Jochen Diehm einen Termin zur Besichtigung seines Freiluftateliers ausmachen.

Biografie:

1958 Geburt in Heilbronn
1978 Studium der Bildhauerei bei K. H Türk an der Freien Kunstschule Nürtingen ( FKN )
1982 Ausbildung zum Steinmetz / Bildhauer bei K. Marbach, Heilbronn
1992 Auftragsarbeiten in Sandstein, Restauration von Skulpturen aus dem 16. Jahrhundert
1994 Auftragsarbeiten in Granit für den dänischen Bildhauer J. H. Sörensen, Portugal
1999 Arbeit als freier Künstler, Ausstellung Neue Serie vom 1. September bis zum 12. Oktober im Heilbronner Hauptbahnhof